Schauen wir uns einen Stammbaum einer Familie an, wird sofort klar: ein jeder Mensch hat familiäre Wurzeln, so wie ein jeder Baum Wurzeln hat.
Die Baumkrone kann nur so grün und kräftig sein, wie sie von der Wurzel versorgt wird. Herrscht in der Wurzel kein Gleichgewicht (ist das Wurzelklima z.B. zu sauer) oder ist gar ein Teil des Wurzelstocks abgetrennt, hat die Baumkrone keine Kraft den Stürmen und Witterungen des Lebens standzuhalten. Der Baum wird Stresstriebe hervorbringen, die vielleicht einen Moment darüber hinwegtäuschen, dass der Baum unterversorgt ist.
Unsere Wurzeln, unsere Familie ist die Basis auf der wir unser Leben starten. Wie Goethe sagte: „Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel“. Die meisten Eltern wollen für ihre Kinder nur das Beste, können selber aber auch nicht mehr weitergeben, als sie von ihren Eltern nehmen konnten. Kinder haben ein hohes Sensorium auf Fehlendes, auf Schmerz, Trauer, Ausgrenzung usw. und übernehmen eine Rolle, um die kranke Wurzel zu stärken.
Dabei - und das wissen sie nicht - schwächen sie das System. Man könnte auch sagen: wenn die Wurzel krank ist, kümmern sich alle Lebenden auf die eine oder andere Weise (aber in den allermeisten Fällen unbewusst) um diese Wurzel und vergessen dabei selber zu leben (und können in der Folge ihren Partnern und Kindern nicht genügend seelische Präsenz geben). So wirkt sich dann die Schwäche der Wurzel auf das ganze System aus.
Entziehe ich mich der Familie (im äusseren) so mögen die Kontakte zur Familie abbrechen - die innere Familie, das seelische Erbe, bleibt. (Wie wenn ich meine Nase operieren würde, weil sie mich so an die abgelehnte Mutter erinnert und meine, damit das Erbgut zu verändern. Was ich verändere ist die Form - genetisch und seelisch trage ich immer noch die Nase meiner Mutter - jetzt aber ganz im Verborgenen.)
Die Erfahrungen der Familie wiederholen sich, insbesondere dann, wenn sie verdrängt wurden. Der "schwarze Peter" wird weitergereicht, manchmal von Generation zu Generation, manchmal Generationen überspringend. Entscheidungen und Handlungen werden beeinflusst (wie ferngesteuert) von diesen alten Mustern, von denen man sich losgesagt hat. Plötzlich steht man mit Schrecken da: "ich habe genau das getan, was ich nie wollte .... "
Die Biologin und GEO-Redakteurin Hania Luczak (Artikel: die unmheimliche Macht des Clans, GEO Nr.3/2000), die sich vormals heftig gegen die Aussage "Du bist wie deine Mutter" gewehrt hatte, konnte, nachdem sie sich mit der Familie auseinandergesetzt hatte, den folgenden erlösenden Satz sagen: "Ich bin gern wie meine Mutter, denn ich bin auch ganz anders." Erst die volle Zustimmung zu den Tatsachen (Wurzeln) ermöglicht den eigenen Weg zu gehen und sich über die Grenzen des bisherigen zu erheben (Flügel).
Aus welchem Gedankengut kommt das Familienstellen?
Das Familienstellen hat seine Wurzeln im systemisch-lösungsorienten Ansatz der Psychotherapie und Beratung.
Systemisch heisst, dass der Mensch in der Therapie immer als Teil eines ganzen Systemes, eines grösseren Beziehungszusammenhangs verstanden wird. Deshalb werden in dem Therapieprozess alle Familienmitglieder (oder bei Firmen alle am Problem Beteiligten) miteinbezogen. Systemische Familientherapie achtet auf alle Interaktionen, die zwischen den Personen ablaufen und versucht, den Betroffenen einen neue Sicht- und Kommunikationsweise aufzuzeigen und ihre Wirklichkeiswahrnehmung neu zu gestalten.
Lösungsorientierte Therapien stellen die Suche nach den Kraftquellen in den Vordergrund und nicht das problemorientierte Analysieren. So wird in der Familie nach der Kraft gesucht und danach, wo die Kraft verborgen liegt. Die Ziele werden positiv als Fähigkeiten formulierte und nicht als fast unlösbares Problem.
Das Familienstellen hat sich aus diesem Gedankengut heraus entwickelt. Viele moderne Richtungen der Psychotherapie (Hypnotherapie, NLP, Familientherapie nach V. Satir, Kurzzeittherapie nach Steve de Shazer, Heidelberger Schule ...) sind die Wurzeln auf denen sich das Familienstellen von Bert Hellinger entwickelt hat. Die Methode hat eine eigene Richtung eingschlagen durch die spezifische Sichtweise Bert Hellingers. Hellinger hat empirisch festgestellt (durch viele Aufstellungen), dass es Wirklichkeiten gibt, die nicht - wie die Konstruktivisten annehmen - jederzeit neu gestaltet werden können. Diese Wirklichkeiten wirken durch "alle Böden" hindurch. Sie müssen anerkannt werden. Erst danach kann der Mensch seine Welt erweitern. Diese Wirklichkeiten nennt Hellinger die "Ordnungen der Liebe". Erst wenn in der Wurzel die Ordnung einkehrt, kann Gestaltung wirken.
Was versteht man unter Wirklichkeit bzw. Ordnung?
Bert Hellinger spricht immer wieder von Ordnungen. Er meint damit die Wirklichkeiten, die unabhängig von moralischen Vorstellungen wirken und denen die "Familienseele" folgt. Die nachfolgend aufgezählten Ordnung wurde empirisch, d.h. aus der Arbeit selbst abgeleitet (es sind also keine theoretischen Konstrukte sondern Erfahrungen und daher auch nicht als abschliessende Aufzählung zu verstehen):
Das Recht auf Zugehörigkeit (unabhängig von Charakter, Taten und Moralvorstellungen)
Das Vorrecht des Früheren (Nachkommen dürfen keine Lasten für ihre Eltern und Ahnen tragen oder sich einmischen!)
Die Unveräusserlichkeit des eigenen Lebens, Leids und Schuld (niemand kann meine Schuld, mein Leid tragen und ungeschehen machen und ich kann es auch für niemanden tun - jeder trägt seine Verantwortung selber.)
Ausgleich zwischen Gewinn und Verlust (Familien- oder Generationenbuchhaltung)
Das Recht auf Zugehörigkeit ist eines der wichtigsten Faktoren, denn aufgrund dieses Wirkprinzips kommt es in der Folge zu Einmischung nächster Generationen. Das heisst konkret, dass der Ausschluss einer Person aus der Familie (z.B. ein homosexueller Onkel, eine Selbstmörderin, ein uneheliches Kind ...) eine Ausgleichshandlung eines später Geborenen nach sich zieht. Auf welche Art die Loyalität ausgedrückt wird - sei es durch Nachfolgen (gleiches Wiederholen), durch einen Beruf in dem Bereich, als Verzicht, Krankheit, Depressionen usw. - unterliegt dem Einzelfall und kann nicht verallgemeinert werden. Die Nachfolge geschieht jedoch unbewusst und ist daher auch nicht fühl- oder erkennbar. Oftmals wird bewusst sogar genau das Gegenteil (so werde ich nie!) angestrebt und das gelingt in jungen Jahren oftmals recht gut. Um die Lebensmitte dann zeigen sich diese unbewussten Loyalitäten.
Problematisch an der Geschichte eines Ausschlusses ist, dass dieser moralisch begründet ist (z.B. Homosexualität) und diejenigen die ausschliessen, sich subjektiv - aus ihrer Sicht und der Sicht ihrer moralischen Erziehung - im Recht befinden. Dieses subjektive Empfinden oder dieses Gewissen, das sich als Schamgefühl manifestiert, führt dann zum "begründeten" Ausschluss. Damit ist aber die Ordnung verletzt: die Ordnung verlangt, dass jeder zugehörig sein darf, egal wie "ungelegen" er oder sie kommt.
Schwierig ist die Zugehörigkeit z.B. auch, wenn ein Familienmitglied kriminell ist. Hier ginge es dann letztlich darum, die Person als Familienmitglied zugehörig sein zu lassen. Die Taten und ihre Folgen müssen dabei vollumfänglich der kriminellen Person zugemutet werden und ganz dort belassen bleiben. So kann die Person als Mensch bleiben - ihre Taten jedoch muss niemand nehmen, rechtfertigen oder dafür büssen müssen.
Menschen sind nicht perfekt, sie machen viele Fehler, begehen viele Verletzungen und Ungerechtigkeiten. Diese Tatsache zu akzeptieren führt dazu, dass jeder für sein Verhalten gerade stehen und dafür die volle Verantwortung übernehmen muss (und sich nicht in Ausflüchte begeben und andere oder die Umstände beschuldigen kann). Trägt jeder Mensch für sich die Verantwortung und mutet den anderen ihre Verantwortung zu, wird das familiäre Geflecht entwirrt, Ordnung hergestellt und jeder kann nun endlich seinen ganz eigenen Weg gehen.
Ist Familienstellen eine Therapie?
Das Familienstellen erzeugt eine Wirkung im energetischen Feld eine Familie. Es wird durch das Aufstellen ein Ist-Zustand sowie der Prozess und die Lösung sichtbar. Der Klient/die Klientin sieht, wo er/sie mit seinen Energien in das System verstrickt ist und wo er/sie unfrei ist, seinen/ihren Weg zu gehen. Manchmal hat die Aufstellung den Charakter eines Erkenntnisprozesses, manchmal - und dies ist sehr oft der Fall - führt die Aufstellung zu tiefgreifenden, seelischen Prozessen.
Die Methode des Aufstellens ist ungebunden und nicht a priori therapeutisch. Es wird ja, wie das Wort Aufstellen sagt, ein inneres Bild im Aussen abgebildet, die einzelnen Faktoren werden ausdifferenziert. Darum lassen sich auch über die Familie hinausgehende Fragestellungen, Entscheidungsschwierigkeiten, körperliche Symptome usw. aufstellen.
So wird diese Methode inzwischen verbreitet (und wissenschaftlich unterstützt*) in Organisationen und grösseren Gremien als effizientes Mittel zur Darstellung der Problemfelder, der Ressourcen und Ziele eingesetzt.
Wer kann seine Familie aufstellen? Wann ist es angezeigt?
Jeder Mensch, der für sich selbst die Verantwortung übernehmen kann, kann seine Familie oder ein Problem aufstellen. Auch wenn das Wissen um die Familiengeschichte gering ist: ein jeder hat eine Mutter und einen Vater (und allenfalls noch Geschwister) und Ahnen, die aufstellt werden können (auch wenn sie bereits verstorben sind). Kinder bzw. Jugendliche können ihre Eltern an eine Aufstellung begleiten - es ist allerdings nicht Voraussetzung, auch wenn für ein Kind eine Lösung gesucht wird.
Das Familienstellen kann sehr heilsam sein, weil diese Methode Ordnung schafft. Sie ist jedoch insbesondere angezeigt, wenn Menschen in ihren Lebenssituationen unglücklich sind und sich Muster immer wieder wiederholen. Manchmal kann eine Aufstellung auch innerhalb einer laufenden Psychotherapie sinnvoll und ergänzend sein.
Neben der Möglichkeit die Familie aufzustellen gibt es auch, wie bereits erwähnt, andere Felder, die aufgestellt werden können: ein Problem (z.B. Mobbing), ein Symptom, eine berufliche Angelegenheit, eine Entscheidungssituation usw.
Um die Methode ohne Verpflichtung und Preisgabe eigener Geschichte erleben zu können, nimmt man am besten als "Teilnehmende(r) Beobachter(in)" an einem Seminar teil.
Wie oft muss man aufstellen?
Wie oft aufgestellt werden soll, hängt sehr von der Familiengeschichte und davon ab, ob sich für die Klientin/den Klienten schon genügend gelöst hat. Meiner Ansicht nach ist es sinnvoll die erste Aufstellung über einen gewissen Zeitraum wirken zu lassen. Wenn sich bezüglich des Anliegens nichts oder nicht genügend löst, ist es sicher angezeigt am Thema weiterzuarbeiten, sei es mit einer Aufstellung oder mit einer anderen Methode (z.B. Trance).
Wieso wirkt die Aufstellung bei den einen und bei den anderen nicht oder nicht so stark?
Die Wikungen der Aufstellung werden sehr unterschiedlich erfahren und individuell unterschiedlich schnell integriert. Das gilt natürlich auch für andere Lebensprozesse: nicht jeder Mensch ist gleich schnell in einer neuen Situation verwurzelt und einige fühlen sich noch lange nicht "zu Hause", wenn sie mit Neuerungen in ihrem Leben konfrontiert werden.
Ein jeder Mensch hat die WAHL sich für einen Weg zu entscheiden. Die Aufstellung ermöglicht, alte Glaubenssätze und Überlagerungen zu durchschauen und macht den Weg frei, sich neu zu entscheiden. Dies braucht Mut und Vertrauen. Der Mensch hat die Wahl, im alten Muster weiter zu funktionieren oder neue, eigene Schritte zu tun.
Es ist nicht zu vernachlässigen, dass wir schon einige Jahre in den gleichen Mustern funktioniert haben und diese Muster für uns fest eingeschliffen sind, so dass sie ein Stück unserer Identität ausmachen. Wir möchten sie ablegen können, doch dies hat auch seinen Preis. Mit unserem bisherigen Verhalten haben wir unsere Geschichte geschrieben. Mit dem Loslassen von alten Mustern und Verhaltensweisen kommt manchmal eine Leere und das Gefühl, bis anhin nicht "richtig" gelebt zu haben. Dies sind unter anderem Gefühle, über die der Klient/die Klientin unbedingt nochmals mit dem Leiter/der Leiterin der Aufstellung sprechen sollte, damit diese unguten Gefühle zum Guten gewendet werden können und das Neue nicht nur als Preis, sondern auch als Geschenk wahrgenommen werden kann.
Es kann auch sein, dass eine Familiengeschichte sehr belastet ist und eine Klientin/ein Klient sich darin sehr verwickelt hat. Dann braucht es möglicherweise mehrere Aufstellungen und mehr Geduld. Eine Aufstellung ist ein Erkenntnisprozess - manchmal sperrt sich in uns auch ein Teil, diese Erkenntnis zu zulassen, weil sie schmerzhaft ist oder uns, bzw. unsere Moral- und Gerechtigkeitsvorstellungen hinterfragt.
Dies sollte keine abschliessende Aufzählung mögliche Hindernisse auf dem Weg sein, sondern nur ein paar Hinweise auf unterschiedliche Bewältigung des Lebensprozesses geben. Die zum Teil hohen Erwartungen (eine Aufstellung - alles O.K.) möchte ich damit relativieren.